Enercon: Frei zum Abschuss

Arbeitnehmer haben jetzt gegen den Willen der Firmenspitze ihre Vertreter gewählt. Dafür müssen die Betriebsräte büßen: Sie werden schikaniert, versetzt und gekündigt

von Kristina Läsker. Süddeutsche Zeitung, 31.10. 2104.

Aurich/Magdeburg – Die Flecken werden Andreas Hoge noch lange an das Böse erinnern, das er so gerne vergessen würde. Auf den Armen, den Beinen und dem Bauch des 37-jährigen Mannes leuchten überall rote Punkte. Das sind Brandmale. Hier haben sich die Funken eines Schneidbrenners eingebrannt, und was viel schlimmer ist: Die Funken haben sich gleichsam auch in seine Seele gefressen. So sehr, dass Hoge nur noch weg wollte von diesem Arbeitgeber.

„Zum Schluss war es reine Schikane“, sagt er, und der Satz kommt ihm kaum über die Lippen. Als würde jedes Wort wieder Wunden aufreißen. Knapp fünf Jahre hat Hoge, der ganz anders heißt, für die Enercon-Gruppe gearbeitet.

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Windräder Hohe Schaar, Hamburg-Wilhelmsburg

Vor Kurzem hat er hingeschmissen. Dabei hatte es so gut ausgesehen: Enercon aus Aurich ist der größte deutsche Hersteller von Windanlagen und das Aushängeschild der Energiewende. Ein Weltkonzern, der Maschinen für sauberen Strom produziert, Tausende Jobs schafft und Gegenden aus der Hoffnungslosigkeit holt.

Doch Hoge, der ein Bär von einem Mann ist und zwei kleine Kinder hat, musste die andere Seite von Enercon aushalten.
Und die ist weder schwach noch sauber. Hoge erzählt von einem Konzern, der seine Betriebsräte frisst. Von einem System, das Gewerkschaften draußen hält, Mitarbeiter schlecht behandelt und mundtot macht. Enercon widerspricht jedem dieser Vorwürfe vehement, doch Hoge ist kein Einzelfall.

Auch Nils-Holger Böttger hat Unfassbares erlebt. Man will ihn hinauswerfen, doch er weigert sich zu gehen. Der 35-Jährige arbeitet auch für Enercon, in Magdeburg. Was die Männer eint: Beide haben es gewagt, einen Betriebsrat mitzugründen, und sie haben sich wählen lassen. Beide haben dafür bezahlt. Doch während Hoge entmutigt aufgegeben hat, will Böttger weiterkämpfen. „Ich lasse mich nicht zum Opfer machen“, sagt er. Continue reading